LYRASIEN NEWS TODAY ... Deutschsprachige Ausgabe

Nachrichten aus Lyrasien, einem Land voller hoher Berge, blauer Seen, verspielten Ebenen, wilden Schluchten, tiefen Wäldern und sanften Tälern. Hier wohnen gute und schlechte, krude und seltsame, elfenhafte und engelsgleiche, streitbare und friedlich bewehrte Gestalten, traurige, nachdenkliche und sonnenfroh sprühende wie auch allerlei anderes Getier

Sonntag, Januar 01, 2006

Trauer: Das Schiffchen hatte seine letzte Nacht !



es ist eine Sauerei, das finden viele Koblenzer !

die Gastätte "Zum Schiffchen", genannt seit jeher "Das Schiff", hatte gestern seine letzte Öffnung für Land und Leute. Touristen hat es seit jeher kaum angesprochen, aber es war Heimat vieler Freaks, Musikfans, Studenten, und das seit nahezu 38 Jahren.

Ich war 15 Jahre alt, als ich das erste mal vor 26 Jahren vom Jugendzentrum Haus Metternich, auch HDJ genannt, die 150 m durch die Altstadt zurücklegte, um im Schiff ein Bier zu trinken. Meine Schwester war gleich alt, (sie ist ein Jahr jünger als ich) als sie das erste mal dort war... sie flog allerdings raus, sah seeehr jung aus... Ach Marianne und Willi, ihr habt viel mitgemacht. Razzien wegen Drogen (kiff) und Jugendschutz damals waren an der Tagesordnung, aber ihr habt mit strenger und doch einfühlsamer Hand euer Regime geführt und den Laden geschmissen. Ich kann mich an Sommer erinnern, wo wir uns alle davor trafen, auf dem Bürgersteig saßen, den orthodoxen Typen von der Weinstube nebenan ärgerten mit unserer bloßen Anwesenheit, die gibt es heute auch noch, der "Weihwasserkessel" ist der Name, mancher blödelte rum, wenn hier mal ein Coffee-Shop aufgemacht werden könnte, dann müsste das in dieser Gasttätte mit gleichem Namen sein.
"Gott, waren das Zeiten", sagte Marianne, die frühere Wirtin, mal zu mir, " doch wir haben das alles mit euch durchgestanden und durchstehen wollen, wir standen zu unserem Publikum, hatten wir doch selbt Kinder in dem Alter und in der Szene, ihr wart uns anvertraut"

Wir waren halbe Blumenkinder damals, und betrachteten die "coolen" Älteren voller Neugierde, aber auch mit Vorsicht. Es war das erste Umschauen in der großen weiten Welt. Die Kneipe wurde dann vor ein paar Jahren oder so in andere Hände gegeben, Marianne und Willi sind im wohlverdienten Ruhestand. Der neue Pächter oder Pächterin schaffte dann fast das aus, so ist mein Eindruck, es war nix mehr los, aber dann übernahm Petra den Ruder, brachte neuen Schwung im alten Stil, eine würdige Nachfolge kann ich nur sagen, und es lief bis heute wieder richtig gut. Fast unverändert in der Austattung, etwas anders die Wände, eine Bühne kam dazu, aber mit den alten Möbeln, und der gewohnten Theke atmete man da die Luft der Jugend.

Die Pacht wurde nun nicht verlängert. Das ist das Aus. Unvorstellbar, das da ein Schmuckladen rein soll, unvorstellbar, gehört das Schiff doch einfach zur Altstadtszene dazu. Karveval ohne Schiffchen, wo sich dann alle aus Koblenz eigentlich ausgewanderten mal wieder auf ein Bier sehen, ist unvorstellbar....

Der Ausverkauf der LPs, ja, die Wand voller echter Scheiben gab es hier noch, und sie wurden auch benutzt, hat vor Wochen begonnen.

In der Sylvesternacht, die letzte Party mit Live-Musik, waren viele da, die ihre Jugend dort erlebten. Alte Bekannte hier und dort, Rockmusik wie in alten Zeiten, haben wir nicht hier das erste mal von BAP, Clearwater Revival und Deep Purpel gehört? Kein Gang die Nacht durchs Gedränge, ohne nicht hier und da ein großes Hallooo, frohes neues, ewig nicht gesehen, ist es nicht traurig das.... und es waren einige da, die die ganz frühen Anfänge dort schon erlebten... also seit 38 Jahren immer wieder mal in diese Kneipe gingen. Hier traf immer schon jung auf alt, es war egal, da saßen bis heute die neugierige Jugend beim Kartenspiel zusammen mit den ewig gestrigen. Hier wurde diskutiert über Che und Ko, Meinungen und Gegenmeinungen gebildet ebenso wie (zum ersten mal) geliebt, gelacht, geweint, und auch gekotzt auf dem klo nach den ersten Tequilla .... aber eben auch eine Menge gefeiert wenn sich die Gelegenheit bot, es gab einfach viel viel Leben, und das gleichbleibend bis heute. Wer nicht unbedingt in irgendein Mainstream passte, weder gothic noch TechnoSzene war, weder Geldadel noch eitel war, ging hier hin. Fast antiquiert wirkte das Schiff zu guter Letzt schlicht durch die schicke Sanierung der Alstadt. Eine der letzten Kneipen vom alten Schlag aus einer Zeit, als sich so manche in diese Kante der Altstadt nicht wagten, als sie noch belebt war mit den Ureinwohnern, die heute raussaniert sind. Ureinwohner, die einfache Menschen waren oder aber eben Freaks mit wenig Kohle. Alteingesessene Altstadtszene. Immer ein wenig Dorn gewesen im Auge der Obrigkeit, immer irgendwie hart an der Grenze er Legalität, aber immer sehr lebendig.

Ein Stück Heimat. Verloren, auf immer. Der Schikimiki möchte gern gesehen werden war hier nicht zu Gast. Dafür viele Koblenzer bekannte Alstadtnasen, Touristen gingen an der Kneipe vorbei oder erschrocken wieder raus.... aber das war es eben, es war eine urgestein-Kneipe, eine echte altgewachsene Beiz mit langer langer Tradition und eigenem Publikum.

Einen 0,01 prozentigen Hoffnungsschimmer gibt es noch... der Verpächter rief wohl Petra, die Wirtin an, und meinte dieser Tage, sie solle mal die Theke drinlassen.... ist der Schnellgeldverdien-Schmuckhandel abgesprungen? Reine Spekulation meinerseits.... Es bleibt abzuwarten. Der Schimmer ist echt winzig.

Ich war nicht mehr oft da, weil ich eh nicht mehr so oft in die Altstadt zum Biertrinken war, aber wenn ich weg bin, bin ich auch ins Schiff, oft alleine. Hier ging das ganz wunderbar. Heimat eben.

2 Comments:

Anonymous Hannes said...

No comment von irgendwem? Dann halt von mir ein Danke. Ich habe den Bericht mit Lokalkolorit mit Interesse gelesen, obwohl ich in den letzten 10 oder 20 Jahren nur einmal in Koblenz war...

08 Januar, 2006 10:14  
Blogger Lyras said...

Danke Hannes.

nun, es sind wenige Leser hier. Ein Nachteil von Blogger.com ist, das es keine Trackbacks und auch keinen pingservice gibt. ersteres würde einem anderen Blog automatisch mitteilen, wenn ich ihn verlinke und gegebenenfalls ausschnitte veröfffentlichen von meinem zugehörigen Artikel, was mir leser bringen würde, Pingservice würde mich bei neuen artikeln in einer Liste, wo auch immer, eintragen...
bin schon am überlegen, wieder zu Kulando umzuziehen... scheue aber im Moment die Arbeit. würde nämlich gerne alle Artikel mitnehmen. und das aussehen auch, was aber wohl nicht geht. Muss mal schauen, wo ich mich lokal verlinken kann....

08 Januar, 2006 11:58  

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